Machtkritischer Bildungsansatz

Unsere pädagogische Arbeit ist geprägt von machtkritischen Bildungsansätzen. Machtkritische Bildungsarbeit möchte für das Wirken von, und die eigene Verstricktheit in, globale und gesellschaftliche Herrschafts- und Machtverhältnisse (z.B. Sexismus, Rassismus, Klassismus, Heteronormativität, Diskriminierung aufgrund von Alter, aufgrund von körperlicher Beeinträchtigung oder aufgrund von Bildungsabschlüssen etc.) sensibilisieren und Menschen dazu befähigen, zu deren Abbau beizutragen. Machtkritische Bildungsarbeit ist wertegeleitet und verfolgt die Vision einer machtsensiblen und diskriminierungsfreien Gesellschaft.

Unserem Verständnis zufolge basiert machtkritische Bildungsarbeit auf der Grundannahme, dass unsere heutige Welt sozial konstruiert, historisch geworden und maßgeblich von (global-)gesellschaftlichen Machtverhältnissen geprägt ist. Menschen haben sehr unterschiedliche Zugänge zu Ressourcen und gesellschaftlicher Teilhabe, werden bevorteilt oder diskriminiert – je nachdem, wie sie im Kontext struktureller Machtverhältnisse verortet sind. Machtverhältnisse entfalten ihre Wirkungen sowohl auf individueller, ideologisch-gesellschaftlicher als auch auf institutioneller Ebene. Meist ausgehend von der individuellen Ebene adressiert machtkritische Bildungsarbeit alle drei dieser Ebenen und will auf allen dreien Veränderungen anstoßen. Eine weitere Grundannahme ist, dass es keine machtfreien Räume gibt und es somit darum gehen muss, diese Machtverhältnisse zu erkennen und zu lernen, sensibel mit ihnen umzugehen sowie sie weitestgehend abzubauen. Macht- und Herrschaftsverhältnisse sind v. a. denjenigen oftmals nicht bewusst, die davon profitieren. Diskriminierungen und Ausschlüsse müssen daher nicht zwingend intentional sein, d.h., Menschen können diese häufig sogar erzeugen, ohne es zu merken und ohne vorsätzlich zu handeln. Da Machtverhältnisse historisch gewachsen und strukturell verankert sind, ist ihnen zu eigen, dass sie nicht einfach umkehrbar sind. (Siehe dazu: Reverse Racism von Aamer Rahman.)

Machtkritische Bildungsarbeit arbeitet mit einem intersektionalen Ansatz, bei dem verschiedene Macht- und Diskriminierungsverhältnisse als miteinander verschränkt und nicht einfach als addierbar aufgefasst werden. Unserem Verständnis nach ist die Auseinandersetzung mit Macht- und Herrschaftsverhältnissen ein lebenslanger Lernprozess. Auch wir verstehen uns dabei als Lernende und so versuchen wir beständig unser Verständnis von gesellschaftlichen Verhältnissen auszuweiten und zu vertiefen. In den letzten Jahren waren hauptsächlich postkoloniale, rassismuskritische Perspektiven Ausgangspunkt für unsere Arbeit. Wir haben dabei vorrangig mit Menschen gearbeitet, die durch Rassismus bevorteilt und privilegiert sind. Momentan setzen wir uns zunehmend mit Fragen von Geschlechterverhältnissen und kapitalistischen Ausbeutungsverhältnissen und deren Wechselwirkungen mit Rassismus auseinander.

Zentrale Themen der machtkritischen Bildungsarbeit sind die Auseinandersetzung mit Stereotypen, Diskriminierungen und Machtverhältnissen und deren Auswirkungen auf Identitäten und Gesellschaft. Die Hinterfragung von Selbst- und Weltbildern, die Analyse von diskriminierenden Praxen sowie die Erkundung alternativer Denk- und Handlungsmöglichkeiten sind zentrale Bausteine machtkritischer Bildungsarbeit.

Wir gehen dabei nicht davon aus, dass alles über die Analyse von Machtverhältnissen erklärt werden kann. Eine machtkritische Perspektive ist aber insofern besonders aufschlussreich, als sie zeigt, dass die Auseinandersetzung mit Machtverhältnissen in den meisten Bildungskonzepten (z. B. in vielen Ansätzen des interkulturellen Lernens) fehlt und Bildungsarbeit dadurch eher zu einer Stabilisierung von Machtverhältnissen als zu deren Abbau beiträgt.

In unserer Bildungspraxis legen wir Wert darauf, dass es sowohl Raum für inhaltliche Auseinandersetzungen, für Wissensvermittlung und Diskussion gibt als auch, dass Platz für die emotionale Beschäftigung mit den behandelten Themen besteht. Eine Mischung aus theoretischer, praktischer und selbstreflexiver Auseinandersetzung mit den jeweiligen Themen des Workshops ist uns wichtig.

Aus Gründen der Multiperspektivität und weiteren Qualitätsgründen, wie z. B. achtsam für Gruppenprozesse sein zu können, arbeiten wir grundsätzlich zu zweit.