Rassismuskritik und kritisches Weißsein

In Deutschland wird Rassismus im Alltagsverständnis allzu oft als ein Problem begriffen, das sich auf Rechtsextremismus und körperliche Gewalt beschränkt. In dieser Vorstellung basiert Rassismus immer auf einem bewussten und beabsichtigten Handeln Einzelner: Es diskriminiert nur rassistisch, wer auch rassistisch sein will.

Dieses reduzierte Verständnis wurde auch in einem UN-Sonderbericht zu Rassismus in Deutschland 2010 kritisiert. Die strukturelle Ebene von Rassismus werde in Deutschland sowohl gesellschaftlich als auch politisch ausgeklammert und dadurch Rassismus reproduziert. Es wird die Empfehlung ausgesprochen, den zu engen Rassismusbegriff zugunsten eines umfassenderen aufzugeben.

Diese Einschätzung teilen wir und betrachten Rassismus nicht als das Problem von Vereinzelten, sondern als sich auf die gesamte deutsche Gesellschaft erstreckend, so dass sich niemand entziehen und freisprechen kann. Wir vertreten mit unserer Bildungsarbeit die Überzeugung, dass Rassismus nur entgegengetreten werden kann, wenn sich jede_r verantwortlich zeigt und sich mit den eigenen Rassismen konfrontiert. Wir gehen davon aus, dass wir eine Reproduktion von Rassismen nur eindämmen können, indem wir uns unsere alltäglichen und als ‚normal‘ empfundenen Denkstrukturen bewusst machen und sie dadurch aufbrechen.

Wir betrachten Rassismus als geschichtlich mit dem Kolonialismus verwoben. Rassismus, wie wir ihn heute kennen (Einteilung von Menschen in unterschiedliche ethnisierte Gruppen, und Hierarchisierung dieser), hatte im Kontext europäischer Kolonialisierung die Funktion, die Ausbeutung, Unterdrückung und Versklavung von Menschen zu rechtfertigen.

Im 18. Jahrhundert wurden Theorien entwickelt, welche die Menschheit in unterschiedliche vermeintlich biologische Rassen einteilten, deren Grenzen anhand von äußerlichen Merkmalen wie z.B. ‚Hautfarbe‘ markiert wurden. Ein Teil von Rassentheorien war, dass alle zu Rassen gemachten Gruppen in einem hierarchischen Verhältnis zueinander gesetzt wurden, Weiße sich an die Spitze der vermeintlich menschlichen ‚Entwicklung‘ setzten und alle anderen Menschen als minderwertig bis entmenschlicht behandelten.

Heute ist auch wissenschaftlich bewiesen, dass es keine Menschenrassen gibt. Dennoch unterscheiden wir – in der Regel intuitiv –Menschen immer noch beispielsweise nach Hautfarbe, Haaren und Augenform. Hieran zeigt sich, wie einflussreich jahrhundertelanges rassistisches Denken und Handeln ist – auch wenn wir uns dessen nicht bewusst sind.

Perspektivverschiebung durch Anwendung der ‚Kritischen Weißseinsforschung‘:

Die Ansätze der Kritischen Weißseinsforschung sind Teil unserer Perspektive auf Rassismus und kommen in unseren Auseinandersetzungen mit dem Thema zur Anwendung. Die Kritische Weißseinsforschung wurde seit den 1980er und 90er Jahren in den USA akademisch institutionalisiert. Seither hält sie auch in die europäische Rassismusforschung Einzug. Sowohl an deutschen Universitäten, als auch im politischen Bildungsbereich werden zunehmend Seminare und Workshops zu ‚Kritischem Weißsein‘ angeboten.

Essentiell für eine kritische Weißseinsperspektive ist eine Fokusverschiebung: Weg von den Diskriminierten, hin zu den Diskriminierenden. Klassischerweise wird in Auseinandersetzungen mit Rassismus der Fokus auf Schwarze bzw. von Rassismus diskriminierte Menschen gerichtet. Das liegt u.a. daran, dass Weiße Menschen seit dem europäischen Kolonialismus über Jahrhunderte hinweg als Norm etabliert wurden. Weiß erscheint dementsprechend als so ‚normal‘, dass es nicht mehr thematisiert wird und Schwarze Menschen als die ‚Anderen‘, von der Norm abweichend wahrgenommen werden. Weiße Menschen geraten bei dem Thema Rassismus aus dem Blick, ganz so, als wären sie nicht Teil davon.

Es kann aber kein Schwarz ohne Weiß geben, genau so wenig, wie es nicht Diskriminierte ohne Diskriminierende geben kann. Indem Weiße als strukturell in Rassismus verstrickte Akteur_innen ausgeblendet werden, wird auch durch Nicht-Benennung unkenntlich gemacht, wie Weiße ökonomisch, politisch, kulturell und psychisch von Rassismus profitieren. Weißsein und Schwarzsein hat dabei nichts mit der tatsächlichen Hautfarbe zu tun. Dass Hautfarbe als Kriterium des ‚Anderssein‘ und als Grund zur Unterdrückung herangezogen wurde, ist ebenfalls Teil von Rassismus und erst seit dem europäischen Imperialismus anzutreffen – das bedeutet, dass Hautfarbe keinesfalls ein ‚natürliches‘ Unterscheidungsmerkmal ist.

Im Sinne der Kritischen Weißseinsforschung verwenden wir Schwarz und Weiß als politische Begriffe, die auf Standorte unterschiedlicher Machterfahrung verweisen. Indem wir Weißsein sichtbar machen und Teil der Betrachtung werden lassen, bringen wir auch zum Ausdruck, dass nicht die von Rassismus Diskriminierten, sondern die Diskriminierenden das Problem sind.

Wir begreifen Weißsein generell als eine Machtposition und stellen uns damit dem Argument entgegen, Rassismus betreffe lediglich den rechten Rand der deutschen Gesellschaft.