Bildung für nachhaltige Ungleichheit?

Bildung für nachhaltige Ungleichheit?
Eine postkoloniale Analyse von Materialien der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit in Deutschland

In Kitas, Schulen, in Weltläden, in der pädagogischen Begleitung von Freiwilligendiensten und der Erwachsenenbildung: Entwicklungspolitische Bildungsarbeit hat sich in den letzten Jahren viele Zielgruppen erschlossen und soll zukünftig weiter institutionalisiert werden. Orientiert am Leitbild der nachhaltigen Entwicklung, soll entwicklungspolitische Bildungsarbeit Bewusstsein für globale Zusammenhänge schaffen und die Übernahme von Verantwortung fördern. Doch wie wirkt sie in die Gesellschaft? Welche Effekte erzielt sie bei den Zielgruppen?

Aus einer Fülle an Bildungsmaterialien hat glokal e.V. über 100 Methodenhefte aus den Jahren 2007-2012 ausgewählt und anhand postkolonialer Fragestellungen analysiert. Die daraus resultierende Dokumentation „Bildung für nachhaltige Ungleichheit?“ bietet neben einem theoretischen Einstieg in postkoloniale Perspektiven eine ausführliche, praxisnahe Analyse von aktuellen Beispielen aus der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit. Sie endet mit dem Fazit, dass entwicklungspolitische Bildungsarbeit mit ihrer aktuellen Praxis sowohl in Bezug auf die deutsche Migrationsgesellschaft als auch im globalen Kontext zur Stabilisierung von Ungleichheitsverhältnissen beiträgt. Dies geschieht durch den Bezug auf eurozentrische Geschichtsschreibung, die Nichtinfragestellung Konzepte von Entwicklung und Kultur sowie durch die Erzeugung von Ausschlüssen und Diskriminierungen in Lernmaterialien und Lerngruppen. Die Dokumentation wird abgerundet durch eine Praxishilfe für die eigene postkoloniale Analyse von Bildungsmaterialien.

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Downloads der barrierenfreien Dokumentation:

Die vollständige Dokumentation kann hier heruntergeladen werden (pdf, 2,5MB).

Eine Druckversion (ohne Illustrationen, für den tintensparenden Ausdruck) findet sich hier (pdf, 1,2MB).

A summary in English can be downloaded here (pdf, 257kb).

Rezensionen finden sich hier.

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Wir bedanken uns bei Philipp Wix, der für die graphische Gestaltung der Dokumentation verantwortlich war. Über Fragen und Herausforderungen bei der Erstellung des Bildkonzeptes schrieb er folgenden Text:

Pudding an die Wand nageln
Wissenschaftlichen Untersuchungen ein bildliche Dimension zu geben, stellt in der Regel immer eine große Herausforderung dar: Während die Textebene sich in Richtung des Details bewegt, liegen die Möglichkeiten der Bildebene klassischerweise in der Abstraktion und der Reduktion hin zu ikonografisch klar deutbaren Archetypen – zum Preis der damit verbundenen Verkürzungen. Neben daraus resultierenden Schwierigkeiten stellt sich zudem die Frage nach der spezifischen Historizität der im ikonografischen Werkzeugkasten vorhandenen Mittel. Die vorliegende Untersuchung verweist deutlich auf (nicht nur) in Entwicklungsdiskursen noch immer produktive koloniale Tradierungen. Unbestritten finden sich jene Kontinuitäten in der visuellen Ausdeutung des globalen Südens genauso wie in dessen textlicher Vermittlung wieder. Wie also lässt sich über die Verhältnisse zwischen globalem Norden und Süden sprechen, ohne jene kolonial tradierten Deutungsmuster zu reproduzieren? Diese Frage stellt sich für Text und Bild gleichermaßen, wobei die ikonografische Zurichtung visueller Bilder die Problematik zusätzlich verschärft. Eine machtkritische Perspektive bringt Bildproduzent*innen somit schnell an die Grenzen eines kreativen Prozesses, der primär aus Reproduktion und Neukombination und – entgegen dem populären Vorurteil – nur selten aus Innovation besteht. In dieser Perspektive vermögen bestehende Deutungen bereits bei vermeintlich banalen Zusammenhängen große Fragen aufzuwerfen: Wie kann ein Piktogramm für „Mensch“ aussehen, wenn die grafisch archetypische Form für Mensch ausschließlich männlich konnotiert ist? Wie lassen sich Machtverhältnisse beschreiben, ohne dabei stets auch „das Andere“ zu konstruieren, und was bedeutet dies beispielsweise für die Verwendung von Farben? Wie lassen sich Marginalisierungen visualisieren ohne automatisch Opferrollen zu verteilen? …

Was kann eine visuelle Ebene im Kontext einer solchen Untersuchung also leisten? Sie kann die textlich vermittelten Inhalte idealerweise ergänzen und neue assoziative Räume öffnen. Sie kann Fragen aufwerfen anstatt vermeintliche Antworten zu geben. Dabei erhebt sie gar nicht den Anspruch, unmittelbar verstanden zu werden sondern findet die Ergänzungen ihrer Leerstellen im Text. Sie ist damit als „Work in Progress“, als Experiment in der ikonografischen Peripherie, denn als fertiges Bildkonzept zu begreifen. Wenn ein routinierter Umgang mit grafisch tradierten Mitteln nicht mehr möglich ist, tritt ein Lernprozess an dessen Stelle, in dem die Möglichkeiten klassische Darstellungsmuster zu überwinden – mal erfolgreich, mal im Fehlversuch – erprobt werden können. Ein Unterfangen, das stets aufs Neue dem sprichwörtlich an die Wand zu nagelnden Pudding gleicht.

von Philipp Wix/imagine dissent