Archiv des Autors: glokal
Antwort des ASA Programms auf unseren offenen Brief zur Broschüre „Wo bitte geht’s nach weltwärts?“
Liebes Glokal-Team,
gerne nehmen wir Eure Einladung an, über eine konstruktiv-kritische Methodenauseinandersetzung in den Austausch zu treten. Die besagte Broschüre setzen wir sehr reduziert ein, verkauft wird sie über uns gar nicht.
Wie Ihr wisst, setzen wir uns mit den von Euch benannten Thematiken vor allem im Kontext unserer Vor- und Nachbereitungsseminare auseinander und überarbeiten verschiedene Methoden laufend. Wir würden uns freuen, mit Euch gemeinsam an der Erarbeitung von Seminarmaterialien im Rahmen unserer Lernwerkstätten weiterzuarbeiten. Möchtet Ihr einen Terminvorschlag für ein erstes Austauschtreffen machen?
Mit freundlichen Grüßen,
Florin Feldmann und Alfhild Boehringer (ASA-Ehrenamtlichenvertreterin)
Florin Feldmann
Projektleitung
Senior Project Manager
ASA-weltwärts
Engagement Global gGmbH
Service für Entwicklungsinitiativen
Lützowufer 6-9
10785 Berlin
Antwort des Autors der Broschüre: Wo bitte geht’s nach weltwärts? auf unseren offenen Brief an das ASA Programm und das Welthaus Bielefeld
Welthaus Bielefeld – Bereich Bildung
Georg Krämer (Georg.Kraemer@welthaus.de) 13-5- 2012
Broschüre Welthaus Bielefeld: Wo bitte geht’s nach weltwärts?
Ihr Brief vom 3. Mai 2012
Antwort an „glokal e.V.“
Sehr geehrte Damen und Herren, Ihr Urteil ist so schön eindeutig: Unsere Broschüre ist „sehr problematisch und rassistisch“ oder verwendet „durchgängig rassistische Stereotype“, „Menschen des Globalen Südens werden durchweg z.B. als korrupt, primitiv, unterentwickelt, unwissend…“, dargestellt, während „sich deutsche Weltwärts-Freiwillige in einer Überlegenheitsposition befinden, der gemäß sie handeln sollen“.
Die erste Reaktion für mich als Autor war verständlicherweise, nach Belegen für diese Äußerungen zu suchen. Ohne für mich in Anspruch nehmen zu wollen, frei von Stereotypen zu sein, hätte ich doch angenommen, ein anderes als das hier so kolportierte Weltbild zu haben. Hinzu kommt: Die Broschüre „Wo bitte geht’s nach weltwärts?“ hat eine ganz andere Zielsetzung als den jungen Freiwilligen zu erzählen, wie sie die Welt zu sehen haben, sondern will Selbstreflexion vor der Ausreise anregen und unterstützen. Sie fragt die Freiwilligen nach den Erwartungen und Befürchtungen, konfrontiert sie aber auch mit kritischen Einwänden (z.B. M3 „Bleibt zu Hause“, M6 „Weltwärts – ein Beitrag zur Entwicklung?“ oder auch M9 „Egotrip ins Elend“).
Daraus eine den Freiwilligen zugeschriebene Überlegenheitsposition herauszulesen, kann nur gelingen, wenn der Schaum vor dem Mund die Sicht versperrt und man den Ansatz der Broschüre, offene Fragen zu stellen, nicht ertragen kann. Und Worte aus einer Phantasiereise, die ja gerade die Zielsetzung hat, Voreinstellungen und Stereotypen zur Sprache und damit diskutierbar zu machen, herauszustellen, um dann zu behaupten, diese Äußerungen würden die gesamte Broschüre durchziehen, ist schlicht wahrheitswidrig.
„Korrupt, primitiv, unwissend, auf finanzielle und geistige Hilfe angewiesen“ oder auch auf der anderen Seite „zivilisiert, emanzipatorisch und moralisch integer“ – alle diese Vokabeln stehen nicht in der Broschüre, sonders es sind Ihre Deutungen und Bewertungen, die jedoch viel aussagen über Ihr Weltbild und seine Kategorien. Ihre Deutungsmuster sind ohnehin falsifikationssicher.
Wenn in der Broschüre doch ein Beitrag steht, der das Weltwärts-Programm infrage stellt (z.B. M3 „Bleibt zu Hause“), kann dies nur ein übler Trick sein, der dem Ziel dient, ein „Argumentationstraining“ gegen potentielle Kritiker einzuüben.
Wenn interkulturelle Konflikte (M 21) angesprochen werden, wie sie immer wieder bei Fachkräften in der Entwicklungszusammenarbeit auftreten, kann dahinter nur ein „starrer und homogenisierender“ Kulturbegriff stehen, obwohl es doch gerade um den Umgang mit heterogenen Vorstellungen geht.
Wenn Freiwillige gefragt werden (M20), wie sie sich in bestimmten Situationen entscheiden würden (alle dargestellten Konfliktsituationen haben Freiwillige selbst erlebt), unterstellen Sie bestimmte, implizit vorgegebene sozial erwünschte Antworten, auf die Sie dann einschlagen können, obwohl Freiwillige sich hier in der Regel sehr kontrovers positionieren.
Ihr Problem sind nicht die Broschüre oder einzelne, mehr oder weniger gelungene Seiten. Ihnen passt der ganze Ansatz nicht. Sie vermissen die Auseinandersetzung mit „Verwertungslogik und Rassismus“, so wie sie das verstehen. Entwicklungspolitische Bildungsarbeit hat für Sie (vgl. blätter des iz3w 329) die Aufgabe, die „machtvollen und kolonial-rassistischen Strukturen“ zu entlarven. Da ist für offene Fragen, für widersprüchliche Motivlagen auf der Subjektseite der Freiwilligen ebenso wenig Raum wie für eine Sachanalyse, die für eine Beschreibung der Welt differenziertere Kategorien bracht als Rassismus oder Kolonialismus. Meiner Beobachtung nach hat diese auf Entlarvung abzielende „antikolonialistische und antirassistische Bildungsarbeit“ zwei fatale Folgen: Sie führt zunächst zu einem Klima der Angst, schüchtert gerade solche Menschen ein, die sich für ein besseres Miteinander einsetzen wollen. Weil niemand rassistisch sein will und gleichzeitig Rassismus eine Unterstellung ist, die durch Leugnen ebenso bestätigt wird wie durch rassistische Unworte, gilt es, alles zu vermeiden, was uns dem Verdacht aussetzen könnte. Offene Fragen, berechtigte oder unberechtigte Empörungen, das Anstoß-Nehmen an Fremdheit – das alles bleibt häufig unausgesprochen und damit jedem Diskurs unzugänglich. Wo die Keule des Antirassismus droht, ernten wir in der Regel political correctness, nicht aber eine ehrliche Auseinandersetzung mit eigenen Vorurteilen, denn diese setzt den Verzicht auf Einschüchterung und Überwältigung voraus.
Fatal ist bei der „antikolonialistischen und antirassistischen Bildungsarbeit“ aber auch das dichotome Weltbild, für das es nur Opfer und Täter, nur gut und böse gibt. Hier der „globale Süden“, geprägt von Kolonialismus und Ausbeutung, dort der „globale Süden“, seine Privilegien genießend. Wer die Wurzel allen Übels kennt, braucht keine Differenzierungen. Ausbeutung und schwerste Menschenrechtsverletzungen kommen demnach nur im Nord-Süd-Verhältnis vor oder sind das Ergebnis neokolonialer Verhältnisse. Doch wer 50 Jahre nach der Unabhängigkeit der letzten Kolonien den Regierungen in Afrika, Asien oder Lateinamerika Eigenverantwortung abspricht, muss sich befragen lassen, ob sein Menschenbild nicht selbst rassistisch ist. Sie haben nicht nur eindeutige Analysen, sondern auch eindeutige Praxisfolgerungen: Alle Bezieher unserer Broschüre – natürlich auch rückwirkend – sollen per Brief einen – am besten von Ihnen zu formulierenden – antirassistischen Warnhinweis erhalten. Und: Der Vertrieb der Broschüre ist „ab sofort einzustellen“. Soviel Wahrheitsgewissheit ist heute selten. Gut, dass Sie keine Macht haben, Publikationen auf den Index zu stellen. Nun könnte man diesen „Antikolonialismus“ und „Antirassismus“, der die weiße „Kultur“ grundsätzlich nur mit Anführungszeichen schreibt, als ideologische dünne Suppe von ein paar Gruppen ignorieren, die mit dem Knüppel des Rassismus und Kolonialismus wahrscheinlich eher ihre antikapitalistischen Systemüberwindungsphantasien befördern wollen. Doch ein Schuldgefühl gegenüber den Menschen in den „Entwicklungsländern“ ist auch in großen Teilen der entwicklungspolitische Engagierten und auch der Weltwärts-Freiwilligen vorhanden.
Die Scham über die Verbrechen des Kolonialismus und der Sklaverei, aber auch über die Ungleichheit der Welt heute und unsere privilegierten Lebenschancen, ist weit verbreitet. Sie ist ein Hinweis auf eine wertvolle Empfindsamkeit, die nicht nur die eigene Person in den Blick nimmt. Doch es ist nicht zu akzeptieren, dass diese Haltung für eigene ideologische Überwältigungen instrumentalisiert wird. Vielleicht käme es darauf an, von der Scham und dem Schuldgefühl zu einer Haltung der Verantwortung zu kommen. Eine solche Verantwortung würde sich an bestimmten ethischen Werten (z.B. Menschenrechte) orientieren und danach fragen, was im Sinne einer globalen Verantwortung heute unsere Aufgabe ist.
Dazu gehörte die Wahrnehmung von unfairen Nord-Süd-Verhältnissen, ohne allerdings alle internationalen Beziehungen als Ausbeutung zu denunzieren und den ökonomischen und politischen Gestaltungsraum der „Entwicklungsländer“ zu leugnen.
Dazu gehört die Wahrnehmung eigener Vorurteile und Stereotype, ohne allerdings unterschiedliche kulturelle Vorstellungen zu ignorieren und ohne jede Attitüde des Selbsthasses. Dazu gehört schließlich unser Recht und die Pflicht auf Einmischung in die inneren Angelegenheiten fremder Völker, wenn dort Menschenrechte massiv verletzt werden, selbst wenn diese Länder früher Kolonien waren.
Die Welt als einen Hort des Rassismus und Kolonialismus anzusehen, zeugt nicht nur von einem Mangel differenzierter Wahrnehmung. Eine solche Weltsicht hat auch zur Folge, dass es Menschen unmöglich gemacht wird, sich zu engagieren. Die Verliebtheit in das Kaputte, die immer wieder vorgetragene Konstatierung des Schlechten, aus der nur die eigenen Erlösungsphantasien herausführen, zerstört jede Hoffnung. Hinter der Idee des Weltwärts-Programms aber steht eine Hoffnung, nämlich dass Begegnung, dass Lernen möglich sind. Viele Weltwärts-Freiwilligen dürften fragwürdige Vorstellungen mitbringen, ihre eigenen Möglichkeiten überschätzen, nicht wissen, wie sie den Menschen im Zielland begegnen sollen. Und doch gelingen immer wieder solche Begegnungen, kommen Freiwillige zurück mit einem neuen Blick auf die Welt und die Menschen.
Sie sind keine Rassisten oder Kolonialisten, sondern junge Menschen, die lern- und veränderungsfähig sind, wie auch unsere Welt mit dem Kolonialismus nicht ihre Entwicklung abgeschlossen hat.
Eine Bildungsarbeit, die dieses Veränderungspotential abstreitet und stattdessen lieber mit dem Verdikt des Rassismus einherkommt, ist kontraproduktiv.
Georg Krämer
Offener Brief an ASA und das Welthaus Bielefeld zur Broschüre: „Wo bitte geht’s nach weltwärts?“
Brief hier als PDF downloadbar
Von
glokal e.V., Chorinerstr. 6, 10119 Berlin, www.glokal.org
An
ASA Programm z.H. von Florin Feldmann Lützowufer 6-9 10785 Berlin
Welthaus Bielefeld e.V. z.H. von Georg Krämer August Bebel Str. 62 33602 Bielefeld
Berlin, den 20. April 2012
Betreff: Broschüre „Wo bitte geht’s nach weltwärts?“
Sehr geehrte Damen und Herren, im letzten Jahr ist uns immer wieder ihre Broschüre „Wo bitte geht’s nach weltwärts?“ begegnet. Diesbezüglich wenden wir uns heute schriftlich an sie. In diesem und im letzten Jahr haben wir mehrere Multiplikator_innen-Fortbildungen angeboten, um Kulturkonzepte im Globalen Lernen sowie in der pädagogischen Begleitung von weltwärts zu reflektieren.
Im Rahmen dessen wurde auch gängiges Methodenmaterial für diesen Bereich analysiert – u.a. auch ihre Broschüre. Ausnahmslos wurde diese von den jeweiligen Multiplikator_innen als sehr problematisch und rassistisch bewertet und auf jedem Seminar das Bedürfnis zur Intervention geäußert. Nicht nur durch die Teilnehmenden unserer Fortbildungen, auch von anderen Kolleg_innen und Auftraggebenden wurde an uns der Wunsch herangetragen, dass wir uns stellvertretend mit einem offenen Brief an ASA und das Welthaus wenden, um dieser Kritik Ausdruck zu verleihen.
Dem Wunsch nach Transparenz nachkommend, werden wir diesen Briefverkehr auf unserer homepage öffentlich machen.
Als wir uns die Herangehensweise und einzelne Übungen ihrer Broschüre zum ersten Mal angeschaut haben, waren wir sehr überrascht und an vielen Stellen entsetzt, was weltwärts-Freiwilligen über den Globalen Süden, das weltwärts-Programm und sich selbst als Freiwillige vermittelt wird: In den Texten und Methoden ihres Lehrmaterials werden durchgängig rassistische Stereotype über Menschen und Länder des Globalen Südens reproduziert. Während Menschen des Globalen Südens durchweg z.B. als korrupt, primitiv, unterentwickelt, unwissend, auf finanzielle und geistige Hilfe der Freiwilligen hoffend dargestellt werden, wird Weißen deutschen weltwärts-Freiwilligen suggeriert, dass sie sich in einer Überlegenheitsposition befinden, der gemäß sie handeln sollen.
Exemplarisch und schlaglichtartig legen wir im Folgenden ein paar Aspekte zum besseren Verständnis unserer Kritik dar: Der globale Süden wird in der Broschüre quasi als Leitmotiv durchgängig als „Dorf“ repräsentiert. Dies entspricht zum einen nicht den Fakten – denn seit 2007 leben mehr als 50% der Weltbevölkerung insbesondere im Globalen Süden im urbanen Raum – zum anderen entspricht es der kolonial-europäischen Praxis, Gesellschaften im Globalen Süden als weniger komplex, weniger modern, traditionell, naturverbunden und rückständig und in Hütten lebend zu beschreiben.
Die Übung (M7) „Phantasiereise“ erinnert stark an einen Kolonialroman. Hier begegnen Teilnehmende stereotype Vorstellungen über ländliches/naturnahes Leben im Globalen Süden. Mitgeliefert wird in der Traumreise zudem die koloniale selbstverherrlichende Phantasie, dass sich das „halbe Dorf“ versammelt, wenn ein_e weltwärts-Freiwillige_r ankommt und der „Dorfchef“ (dieser Begriff suggeriert auch, dass es sich um autokratische, patriarchale Herrschaftsstrukturen handelt) persönlich zum Abschied aus Dankbarkeit ein Geschenk überreicht. Es werden also nicht nur urbane Realitäten ausgeblendet (und die Tatsache, dass Tausende von weltwärts-Freiwilligen ihren Freiwilligendienst nicht in Dörfern absolvieren; und wenn, dann wahrscheinlich nicht in solchen Phantasie-Dörfern), sondern den Freiwilligen auch vermittelt, dass sie wichtige Persönlichkeiten „im Dorf“ sein werden und man nur auf sie und ihren Einsatz wartet.
Die Übungen zum Interkulturellen Lernen (M20 und M21) werden mit der Feststellung eingeleitet, dass es unterschiedliche „Kulturkreise“ gibt und es „unvermeidbar“ zu Konflikten kommt, wenn sie zusammentreffen. Als Basis für Interkulturelles Lernen dient also eine Theorie, die stark an Vorstellungen des „Clash of Civilizations“ des rechtspopulistischen Autors Samuel Huntington angelehnt ist. Kultur wird dabei als angeboren verstanden, als starr und homogenisierend, und ersetzt somit den Rassebegriff. In der Broschüre wird durchgängig davon ausgegangen, dass Kulturen einander entgegenstehen, wobei – so wird durch die Übungen implizit und explizit verdeutlicht – die deutsche Kultur jene ist, von der „die Anderen“ etwas zu lernen haben.
In der Übung M20 „Wie würdest du dich entscheiden?“ werden „Einheimische“ als Gegenpol zu den weltwärts-Freiwilligen konstruiert. Die Freiwilligen sollen sich angesichts der auf sie unweigerlich zukommenden Konflikte überlegen, wie sie sich jeweils verhalten würden. Die Fragen sind weitestgehend so formuliert, dass sozial erwünschte Antworten gegeben werden. Während die Anderen z.B. als unzivilisiert („Affenfleisch“ essend), unsensibel, unpünktlich, lügnerisch, gewalttätig, frauenverachtend und korrupt beschrieben werden, wird weltwärts-Freiwilligen (und damit auch Deutschland) das Gegenteil zugeschrieben.
Die Übung ist ein Paradebeispiel für den weit verbreiteten kolonialen Blick, mit dem Menschen des Globalen Südens im Norden als der negativ Pol des Eigenen konstruiert und konsequent mit moralisch-ethischen, sozialen und politischen Defiziten in Verbindungen gebracht werden. Weltwärts-Freiwillige werden im gleichen Atemzug als zivilisiert, emanzipatorisch und moralisch integer idealisiert. Einher geht die Begründung für ihre Daseinsberechtigung, beispielsweise als personifizierter Human Rights Watch.
In dem fiktiven Brief „Bleibt zu Hause“ wird sich auf den ersten Blick kritisch mit dem weltwärts-Programm auseinandergesetzt. Der Autor „S.“ schreibt aus einer Süd-Perspektive und stellt den Sinn und Zweck von weltwärts in Frage. Er kritisiert u.a. die paternalistische und allwissende Haltung der Freiwilligen, stellt deren Kompetenz in Frage, führt ihnen ihre Privilegien vor Augen und rät ihnen, zu Hause zu bleiben, wo es ja auch Möglichkeiten gebe, sich zu engagieren.
Die erste der begleitenden Fragen, über die sich die Freiwilligen nach dem Lesen des Briefes Gedanken machen sollen, lautet „Wie empfindet ihr diesen provokatorischen Text?“. Die darin liegende vorwegnehmende Bewertung, dass es sich um eine “Provokation” handelt, bestimmt auch den Ton der weiteren Begleitfragen. Als nächstes soll überlegt werden, welche Verhaltensweisen hilfreich sein könnten, um „diese Vorwürfe zu entkräften“.
Es geht also nicht um eine wirkliche offene Auseinandersetzung mit Kritik, die durchaus auch von Partner_innen im Globalen Süden am weltwärts-Programm geäußert wird, sondern um ein Argumentationstraining, wie diese delegitimiert werden kann. Eine offene Kritikfähigkeit mit Lerneffekten für Freiwillige wird bereits in Deutschland verhindert. Die implizite Annahme, dass der Kritik an weltwärts durch bestimmte, individuelle Verhaltensweisen der Boden entzogen werden könne, lenkt ab von den machtvollen und kolonial-rassistischen Strukturen, die dem Programm per se inne wohnen, und schiebt die alleinige Verantwortung auf die einzelnen Freiwilligen.
Zu problematisieren sind jedoch nicht nur einzelne Methoden, es ist vielmehr die gesamte Perspektive und theoretische Basis der Broschüre, die eine kolonial-rassistische Haltung zum Ausdruck bringt und nicht im Sinne des weltwärts-Programms sein kann. Mit diesem Brief kommen wir dem Wunsch von zahlreichen Trainer_innen, Ehrenamtlichen und Auftraggebenden nach und bitten sie, den Vertrieb der Broschüre ab sofort einzustellen.
Desweiteren wurde konkret darum gebeten, die weitere Anwendung des Lehrmaterials durch eine E-Mail oder in anderer Form weitestgehend einzuschränken, indem zumindest die Käufer_innen, welche bereits Exemplare erhalten haben, auf die problematischen Effekte aufmerksam gemacht werden: nämlich einer Verfestigung und Reproduktion von Stereotypen und Rassismus sowie die Vermittlung einer angeblich überlegenen Weiß-Deutschen „Kultur“ und ihrer Werte und Normen, die einer Begegnung auf Augenhöhe entgegensteht. Wir würden uns über eine Reaktion von Ihnen freuen und stehen ihnen für weitere Auseinandersetzungen mit der Thematik gerne zur Verfügung.
Mit freundlichen Grüßen glokal e.V.
im Namen vieler Multiplikator_innen der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit
