Archiv des Autors: glokal

Justice for Trayvon Martin

Am 26. Februar 2012 erschoss der Nachbarschaftspatrouillen-Koordinator George Zimmermann den schwarzen Teenager Trayvon Martin. Vor ein paar Tagen wurde Zimmermann von einem Gericht in Florida sowohl der Anklage auf Mord als auch auf Todschlag freigesprochen. Das Urteil hat in den USA und weltweit Empörung und großes Unverständnis ausgelöst und eine Debatte über Racial Profiling und institutionellen Rassismus reaktiviert. Die National Association of the Advancement of Colored People (NAACP) hat eine Petition an das Justizministerium gestartet, die innerhalb weniger Tage schon über eine halbe Million Menschen unterzeichnet haben. Die Petition kann hier unterstützt werden:

bell hooks nimmt eine Beschreibung von Zimmermann in ihrem 2000 erschienenen Buch „All about love“ vorweg:

„White supremacy has taught him that all people of color are threats irrespective of their behavior. Capitalism has taught him that, at all costs, his property can and must be protected. Patriarchy has taught him that his masculinity has to be proved by the willingness to conquer fear through aggression; that it would be unmanly to ask questions before taking action. Mass media then brings us the news of this in a newspeak manner that sounds almost jocular and celebratory, as though no tragedy has happened, as though the sacrifice of a young life was necessary to uphold property values and white patriarchal honor. Viewers are encouraged to feel sympathy for the white male home owner who made a mistake.“

In Deutschland haben die Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland (ISD) und die Kampagne für Opfer rassistischer Polizeigewalt (KOP) aktuell eine Kampagnenaufruf „Racial Profiling kostet“ gestartet. Alle Menschen, denen Racial Profiling widerfährt oder die es beobachten, sind aufgefordert ihre Stimme zu erheben. Ein Vordruck für einen Brief an die Bundespolizeidirektion in Koblenz findet sich hier.

Argumente im Streit um Geschlechterverhältnisse

Die Heinrich Böll Stiftung hat aktuell ein E-Book herausgegeben, um Argumente in der Diskussion um Geschlechterverhältnisse an die Hand zu geben. Die Autor_innen Regina Frey, Marc Gärtner, Manfred Köhnen und Sebastian Scheele gehen einzelnen Vorwürfen an die Gender-Studies nach und zeigen Argumente auf, wie ihnen begegnet werden kann. Diskutiert werden z.B. der Ideologie-Vorwurf, der Unwissenschaftlichkeits-Vorwurf sowie das Anlegen von Doppelstandards. Dies sind auch gängige Abwehrmechanismen, Vermeidungsstrategien und Vorwürfe an Menschen, die sich mit anderen machtkritischen Themen, mit Rassismuskritik und Postkolonialer Theorie beschäftigen. Ein Blick in die Publikation lohnt!

Schulpartnerschaften für den Frieden?

In den letzten Monaten sind zwei neue, interessante Publikationen zum Thema Schulpartnerschaften erschienen. Luise Steinwachs von Berlin Postkolonial analysiert in der Studie „Persönliche Begegnungen in Schulpartnerschaften“, welchen Einfluss Süd-Nord-Schüleraustausch auf die Identitätsentwicklung von Schüler_innen in Deutschland hat. Dabei kommt sie u.a. zu folgenden Ergebnissen:

1. Persönliche Begegnungen im Rahmen von Schulpartnerschaften können Vorurteile und Klischees verstärken.
2. Bei einem Großteil der Schulpartnerschaften, die an der Erhebung teilgenommen haben, ist die  entwicklungspolitische Einbettung der Partnerschaft nicht ausreichend, um globale Zusammenhänge zu durchschauen. Daher wird auf vereinfachte Erklärungsmuster zurückgegriffen.
3. Der Zeitraum persönlicher Begegnungen von ca. drei Wochen reicht nicht aus, um tatsächlich Schritte in Unsicherheit und Unverständnis zu wagen. Die Erklärungsmuster der Jugendlichen dienen vorrangig der Selbstversicherung und Irritationen werden wenig zugelassen.

In einer weiteren, zweisprachig deutsch-spanischen Publikation von KATE finden sich Interviews mit verschiedenen Akteur_innen von Schulpartnerschaften. Die Broschüre fällt durch eine Vielzahl von machtkritischen Fragen positiv auf. Anstatt im klassischen Tonfall der interkulturellen Kommunikation zu bleiben, spricht Claudia Schilling vom ENSA-Programm beispielsweise Themen wie Privilegien, ungleiche Partnerschaften und die Frage nach der Definitionsmacht an. In einer Welt der Schulpartnerschaften, die oftmals eher eine Welt von Schulpatenschaften ist und in der Helfen und Entwicklung zwei gängige Motive sind, ist das eine neue Sprache. Allerdings sei hier angemerkt, dass insbesondere im ENSA-Programm diese neuen Perspektiven mit langwierigen Diskussionen, Ausschlüssen und Rassismusreproduktionen einhergingen bzw. einhergehen.

Kampagne No Humboldt 21! gestartet

 

 

 

 

 

 

 

Pressemitteilung No Humboldt 21! des Kampagnenbündnisses (Initiative Schwarze Menschen in Deutschland, glokal, BER, Africavenir, Afrotak, Berlin Postkolonial, Artefakte/Anti-Humboldt)

Kampagne fordert Moratorium für das Humboldt-Forum im Berliner Schloss

Berlin, 6. Juni 2013. Ein breites Bündnis von 40 zivilgesellschaftlichen Organisationen fordert die Aussetzung der Arbeit am Humboldt-Forum im Berliner Schloss. „Das vorliegende Konzept verletzt die Würde und Eigentumsrechte von Menschen in allen Teilen der Welt, ist eurozentrisch und restaurativ“, sagt Tahir Della von der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland. In einem Aufruf fordert das Kampagnenbündnis No Humboldt 21! neben dem Moratorium eine breite öffentliche Debatte zum Humboldt-Forum, dessen Grundsteinlegung für den 12. Juni geplant ist. Weiterlesen

Auslandsjahr-Erfahrungen: Arme eine Welt

In der FAZ ist vor kurzem ein bissiger Artikel zur Freiwilligendienst-Industrie, die Deutsche in den Globalen Süden schickt, erschienen. Allerdings scheint die Kommentatorin der Idee von Entwicklungshilfe an sich nicht sonderlich kritisch gegenüberzustehen: immer schön Maschinenbauingenieure aus Ilmenau nach Ghana schicken. Die Leser_innenmeinungen zum Artikel sind übrigens interessant und aufschlussreich.

 

 

Analyse von Radi-Aid „Africa for Norway“ in Critical Literacy Journal

Einige Monate nach der Radi-Aid-Kampagne, zu der wir einen kritischen Kommentar geschrieben hatten, hat David Jefferess dazu einen ausführlichen Artikel veröffentlich. Er argumentiert, dass Radi-Aid letztendlich die Vorstellung zementiert, dass unsere Beziehung vom Globalen Süden vor allem eine humanitäre ist, und somit Fragen von struktureller Gewalt nicht angeht.

 

 

Wo sind all die…? HIER!

Aktuell werben wieder mehrere Plakatkampagnen, von Versicherungen bis Ministerien, mit Weißen Kindern in „Indianerkostümen“. Während in Nordamerika zumindest eine gesellschaftliche und wissenschaftliche Diskussion um kulturelle Aneignung existiert – auch wenn im Mainstream da nicht viel von zu sehen ist -, ist diese in Deutschland kaum angekommen. Bis auf kleinere Adbusting-Aktionen wie das „Leitkultur macht stark“-Plakat, scheinen Plakatkampagnen wie die des Bundesministeriums für Bildung und Forschung unwidersprochen zur deutschen Realität zu gehören.

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Big Brother Award für die Bundespolizei

Der von dem Verein digitalcourage seit Jahren vergebene Anti-Preis für das Themenfeld Privatspäre und Datenschutz „Big Brother Award“ ist in diesem Jahr in der Kategorie Behörden & Verwaltung an die Bundespolizei vergeben worden. Grund ist die alltäglich angewandte Praxis des Racial Profiling, bei der Menschen verdachtsunabhängig aufgrund rassistischer Rasterungen von der Polizei kontrolliert werden. In der Laudatio werden u.a. obligatorische Antirassismus-Trainings für die Polizei, gefordert, sowie ein gesetzlicher Verbot von Polizeikontrollen aufgrund äußerlicher Merkmale.

 

Postcolonial Studies in Development and Global Education

Für alle, die Interesse haben über den Tellerrand der deutschen Diskussion zu schauen könnte der neue Blog, den Prof. Vanessa de Oliveira Andreotti ins Leben gerufen hat interessant sein: Postcolonial Studies in Development and Global Education. Er soll zur internationalen Vernetzung von Wissenschaftler_innen und Praktiker_innen dienen, die zu postkolonialen Perspektiven auf Entwicklungszusammenarbeit und Globales Lernen arbeiten und kann gerne aktiv mitgestaltet werden.

UN Antirassismusausschuss (CERD) rügt die Bundesrepublik im Fall Sarrazin

Der Türkische Bund Berlin Brandenburg hatte 2009 einen Strafantrag gegen Thilo Sarrazin wegen Volksverhetzung und Beleidigung bei der Berliner Staatsanwaltschaft gestellt. Das Verfahren wurde eingestellt. Nun hat der Türkische Bund beim UN Antirassismusausschuss (CERD) Beschwerde eingelegt und dieser hat in seiner Entscheidung die Bundesregierung schwer gerügt.

Der TBB-Sprecher Hilmi Kaya TURAN erklärte in einer Pressemitteilung: „Dies ist eine historische Entscheidung. Der CERD-Ausschuss hat festgestellt, dass die Äußerungen Herrn Sarrazins auf einem Gefühl rassischer Überlegenheit oder Rassenhass beruhen und Elemente der Aufstachelung zur Rassendiskriminierung enthalten. Der CERD-Ausschuss hat festgestellt, dass trotz vorhandener gesetzlicher Bestimmungen Umsetzung der Bestimmungen des Übereinkommens in der Bundesrepublik in der Praxis unzureichend ist. Der Ausschuss hat die Bundesrepublik aufgefordert, entsprechend zu handeln. Außerdem hat der Ausschuss implizit eine entsprechende Schulung der Staatsanwält_innen und Richter_innen empfohlen. Wir erwarten von der Bundesregierung, dem Bundestag und den Landesregierungen, dass die CERD-Empfehlungen ohne Verzögerung umgesetzt werden.“