Schulpartnerschaften für den Frieden?

In den letzten Monaten sind zwei neue, interessante Publikationen zum Thema Schulpartnerschaften erschienen. Luise Steinwachs von Berlin Postkolonial analysiert in der Studie „Persönliche Begegnungen in Schulpartnerschaften“, welchen Einfluss Süd-Nord-Schüleraustausch auf die Identitätsentwicklung von Schüler_innen in Deutschland hat. Dabei kommt sie u.a. zu folgenden Ergebnissen:

1. Persönliche Begegnungen im Rahmen von Schulpartnerschaften können Vorurteile und Klischees verstärken.
2. Bei einem Großteil der Schulpartnerschaften, die an der Erhebung teilgenommen haben, ist die  entwicklungspolitische Einbettung der Partnerschaft nicht ausreichend, um globale Zusammenhänge zu durchschauen. Daher wird auf vereinfachte Erklärungsmuster zurückgegriffen.
3. Der Zeitraum persönlicher Begegnungen von ca. drei Wochen reicht nicht aus, um tatsächlich Schritte in Unsicherheit und Unverständnis zu wagen. Die Erklärungsmuster der Jugendlichen dienen vorrangig der Selbstversicherung und Irritationen werden wenig zugelassen.

In einer weiteren, zweisprachig deutsch-spanischen Publikation von KATE finden sich Interviews mit verschiedenen Akteur_innen von Schulpartnerschaften. Die Broschüre fällt durch eine Vielzahl von machtkritischen Fragen positiv auf. Anstatt im klassischen Tonfall der interkulturellen Kommunikation zu bleiben, spricht Claudia Schilling vom ENSA-Programm beispielsweise Themen wie Privilegien, ungleiche Partnerschaften und die Frage nach der Definitionsmacht an. In einer Welt der Schulpartnerschaften, die oftmals eher eine Welt von Schulpatenschaften ist und in der Helfen und Entwicklung zwei gängige Motive sind, ist das eine neue Sprache. Allerdings sei hier angemerkt, dass insbesondere im ENSA-Programm diese neuen Perspektiven mit langwierigen Diskussionen, Ausschlüssen und Rassismusreproduktionen einhergingen bzw. einhergehen.

Kampagne No Humboldt 21! gestartet

 

 

 

 

 

 

 

Pressemitteilung No Humboldt 21! des Kampagnenbündnisses (Initiative Schwarze Menschen in Deutschland, glokal, BER, Africavenir, Afrotak, Berlin Postkolonial, Artefakte/Anti-Humboldt)

Kampagne fordert Moratorium für das Humboldt-Forum im Berliner Schloss

Berlin, 6. Juni 2013. Ein breites Bündnis von 40 zivilgesellschaftlichen Organisationen fordert die Aussetzung der Arbeit am Humboldt-Forum im Berliner Schloss. „Das vorliegende Konzept verletzt die Würde und Eigentumsrechte von Menschen in allen Teilen der Welt, ist eurozentrisch und restaurativ“, sagt Tahir Della von der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland. In einem Aufruf fordert das Kampagnenbündnis No Humboldt 21! neben dem Moratorium eine breite öffentliche Debatte zum Humboldt-Forum, dessen Grundsteinlegung für den 12. Juni geplant ist. Weiterlesen

Auslandsjahr-Erfahrungen: Arme eine Welt

In der FAZ ist vor kurzem ein bissiger Artikel zur Freiwilligendienst-Industrie, die Deutsche in den Globalen Süden schickt, erschienen. Allerdings scheint die Kommentatorin der Idee von Entwicklungshilfe an sich nicht sonderlich kritisch gegenüberzustehen: immer schön Maschinenbauingenieure aus Ilmenau nach Ghana schicken. Die Leser_innenmeinungen zum Artikel sind übrigens interessant und aufschlussreich.

 

 

Analyse von Radi-Aid „Africa for Norway“ in Critical Literacy Journal

Einige Monate nach der Radi-Aid-Kampagne, zu der wir einen kritischen Kommentar geschrieben hatten, hat David Jefferess dazu einen ausführlichen Artikel veröffentlich. Er argumentiert, dass Radi-Aid letztendlich die Vorstellung zementiert, dass unsere Beziehung vom Globalen Süden vor allem eine humanitäre ist, und somit Fragen von struktureller Gewalt nicht angeht.

 

 

Wo sind all die…? HIER!

Aktuell werben wieder mehrere Plakatkampagnen, von Versicherungen bis Ministerien, mit Weißen Kindern in „Indianerkostümen“. Während in Nordamerika zumindest eine gesellschaftliche und wissenschaftliche Diskussion um kulturelle Aneignung existiert – auch wenn im Mainstream da nicht viel von zu sehen ist -, ist diese in Deutschland kaum angekommen. Bis auf kleinere Adbusting-Aktionen wie das „Leitkultur macht stark“-Plakat, scheinen Plakatkampagnen wie die des Bundesministeriums für Bildung und Forschung unwidersprochen zur deutschen Realität zu gehören.

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Big Brother Award für die Bundespolizei

Der von dem Verein digitalcourage seit Jahren vergebene Anti-Preis für das Themenfeld Privatspäre und Datenschutz „Big Brother Award“ ist in diesem Jahr in der Kategorie Behörden & Verwaltung an die Bundespolizei vergeben worden. Grund ist die alltäglich angewandte Praxis des Racial Profiling, bei der Menschen verdachtsunabhängig aufgrund rassistischer Rasterungen von der Polizei kontrolliert werden. In der Laudatio werden u.a. obligatorische Antirassismus-Trainings für die Polizei, gefordert, sowie ein gesetzlicher Verbot von Polizeikontrollen aufgrund äußerlicher Merkmale.

 

Postcolonial Studies in Development and Global Education

Für alle, die Interesse haben über den Tellerrand der deutschen Diskussion zu schauen könnte der neue Blog, den Prof. Vanessa de Oliveira Andreotti ins Leben gerufen hat interessant sein: Postcolonial Studies in Development and Global Education. Er soll zur internationalen Vernetzung von Wissenschaftler_innen und Praktiker_innen dienen, die zu postkolonialen Perspektiven auf Entwicklungszusammenarbeit und Globales Lernen arbeiten und kann gerne aktiv mitgestaltet werden.

UN Antirassismusausschuss (CERD) rügt die Bundesrepublik im Fall Sarrazin

Der Türkische Bund Berlin Brandenburg hatte 2009 einen Strafantrag gegen Thilo Sarrazin wegen Volksverhetzung und Beleidigung bei der Berliner Staatsanwaltschaft gestellt. Das Verfahren wurde eingestellt. Nun hat der Türkische Bund beim UN Antirassismusausschuss (CERD) Beschwerde eingelegt und dieser hat in seiner Entscheidung die Bundesregierung schwer gerügt.

Der TBB-Sprecher Hilmi Kaya TURAN erklärte in einer Pressemitteilung: „Dies ist eine historische Entscheidung. Der CERD-Ausschuss hat festgestellt, dass die Äußerungen Herrn Sarrazins auf einem Gefühl rassischer Überlegenheit oder Rassenhass beruhen und Elemente der Aufstachelung zur Rassendiskriminierung enthalten. Der CERD-Ausschuss hat festgestellt, dass trotz vorhandener gesetzlicher Bestimmungen Umsetzung der Bestimmungen des Übereinkommens in der Bundesrepublik in der Praxis unzureichend ist. Der Ausschuss hat die Bundesrepublik aufgefordert, entsprechend zu handeln. Außerdem hat der Ausschuss implizit eine entsprechende Schulung der Staatsanwält_innen und Richter_innen empfohlen. Wir erwarten von der Bundesregierung, dem Bundestag und den Landesregierungen, dass die CERD-Empfehlungen ohne Verzögerung umgesetzt werden.“

Develop-mental Turn

Der Berliner Entwicklungspolitische Ratschlag e.V. (BER) hat im April mit „Develop-mental Turn. Neue Beiträge zu einer rassismuskritischen entwicklungspolitischen Bildungs- und Projektarbeit.“ eine Neuauflage der 2007 erschienenen Broschüre „Von Trommlern und Helfern“ herausgebracht. Neben vielen neuen Artikel zu aktuellen Diskussionen um Rassismuskritik und Entwicklungszusammenarbeit, finden sich in der Broschüre eine Reihe von Artikeln von glokal und glokal Mitgliedern, z.B. zu Grundlagen von rassismuskritischen und postkolonialen Perspektiven auf Entwicklungszusammenarbeit sowie zu den Arbeitsfeldern weltwärts Freiwilligendienst, Spendenwerbung, entwicklungspolitische Bildungsarbeit und Fairer Handel.

Die Broschüre kann beim BER bestellt werden.

Antwort vom weltwärts-Team des Welthaus Bielefeld auf unseren offenen Brief zur Broschüre “Wo bitte geht’s nach weltwärts?”

Bielefeld, 26.02.2013

Stellungnahme zur Auseinandersetzung um die Broschüre: „Wo bitte geht’s nach weltwärts?“vom weltwärts-Bereich des Welthaus Bielefeld

Liebe Leute von glokal e.V., liebe Leute, die ihr bisher mit der oben genannten Broschüre gearbeitet habt, liebe alle, die mit der Vorbereitung für weltwärts-Freiwillige zu tun haben.

Wir schreiben euch, weil wir auch als weltwärts-Bereich an der Debatte um die oben genannte Broschüre teilnehmen wollen. Euer offener Brief hat bei uns dazu geführt, dass wir uns intern im Welthaus Bielefeld mit der Kritik auseinandergesetzt haben. Wir haben gemeinsam beschlossen, dass wir uns zu Rassismus und Kulturkonzepten weiterbilden wollen. Nichts desto trotz gibt es im Welthaus Bielefeld unterschiedliche Meinungen, so dass wir hier nur für unseren Bereich sprechen können.

Wir finden die Kritik an der Broschüre berechtigt. Es ist eine große Herausforderung, bei der Vorbereitung von weltwärts- Freiwilligen stereotypisierende Bilder in unser aller Köpfe zu hinterfragen und zu dekonstruieren. Wir versuchen in unserer entwicklungspolitischen Bildungsarbeit im weltwärts-Programm mit den Freiwilligen ein Verständnis ihrer eigenen Rolle zu erarbeiten. Wir kontextualisieren mit ihnen den Aufenthalt im Süden, damit sie in der Lage sein können, offen zu sein und den Kontext vor Ort differenziert wahr zu nehmen.

Wir befinden uns dabei in einem ständigen Lernprozess und verstehen uns nicht als Expert_innen. Wir möchten Anregungen geben und den Freiwilligen einen Raum geben, in dem sie sich mit Rassismus, Machtverhältnissen, globalen Zusammenhängen und Sprache und Bildern auseinandersetzen. Dies sind für uns elementare Bestandteile der pädagogischen Begleitung von weltwärts-Freiwilligen – von der Auswahl bis zur Rückkehr.

In einer Kombination aus länderspezifischer und länderübergreifender Vor- und Nachbereitung versuchen wir diese Fragen zu thematisieren, zu problematisieren und zu kontextualisieren. Das ist, wie bereits erwähnt, keine leichte Aufgabe und auch wir als weltwärts-Organisierende und pädagogische Begleiter_innen müssen uns immer wieder selbst hinterfragen und eigene Bilder und Haltungen reflektieren. Wir versuchen dabei deutlich zu machen, von welchem Standpunkt aus wir sprechen und sprechen können.

Wir arbeiten im Rahmen unserer pädagogischen Begleitung nur ausschnittsweise mit der kritisierten Broschüre und empfehlen sie auch nicht an andere, auch wenn es durchaus Übungen gibt, die wir als sinnvoll ansehen. In ihrer jetzigen Form kann die Broschüre nicht kommentarlos eingesetzt werden.

Wir bedanken uns für die Anregungen und freuen uns weiter mit allen Interessierten und mit der pädagogischen Begleitung von weltwärts- Freiwilligen Beschäftigten, eine offene und konstruktive Auseinandersetzung über nicht–rassistische Bildungskonzepte zu führen.

Für das weltwärts-Team:

Barbara Schütz

Veronika Kirschner