Archiv der Kategorie: Unkategorisiert

Etappensieg gegen Windmühlen

In den letzten Tagen wurden sowohl eine kolonial-rassistische Sendereihe als auch ein rassistischer Werbespot eingestellt. Es ist zwar nicht ganz klar, was Pro7 bewogen hat, die Sendereihe Reality Queens of Safari einzustellen, aber neben niedrigen Einschaltquoten hat die umfassende Kritik von NRO und vielen anderen sicherlich auch dazu beigetragen. Die Kampagne gegen die Sendung hat es sogar geschafft, auf Spiegel Online erwähnt zu werden. Bei dem Werbespot von Ferrero ist die Sache eindeutiger. Medien wie Neues Deutschland, taz und Stern berichteten darüber, aber vor allem gab es viele Leser_innenbriefe und einen Sturm der Kritik in „sozialen Netzwerken“. Auch wenn Einsicht anders aussehen könnte, als uns Begriffsstutzigen zu erklären, dass es sich „[b]ei der aktuellen Werbung […] um die Darstellung einer Produktvariation von Ferrero Küsschen mit weißer Schokolade“ handelt und sich „[a]lle Aussagen […] demnach einzig auf die weiße Schokolade [beziehen] – selbstverständlich ohne fremdenfeindlichen Hintergedanken“, so hat sich Ferrero aufgrund der „kritischen Stimmen […] für eine Überarbeitung der Werbung entschieden“. Der Videoclip wurde zurückgezogen und der Spruch „Deutschland wählt weiß“ ist auf keinem Werbeplakat mehr zu finden.


 

Lüderitz geht in Namibia – und bleibt in München

In Nambia wurden letzte Woche zwei Städte und ein Küstenabschnitt durch den Präsidenten Hifikepunye Pohamba umbenannt. Die Namen Lüderitz, Schuckmannsburg und der Caprivi-Streifen verschwinden damit von der Landkarte.

In Deutschland hingegen bleiben trotz vielfältiger Proteste koloniale Straßennamen erhalten. In München beispielsweise hat der Stadtrat eine Aufforderung des Ausländerbeirats zur Umbenennung von Straßennamen, die nach Kolonialverbrechern und Massenmördern benannt sind, abgelehnt. Ein Bündnis von zivilgesellschaftlichen Organisationen und Initiativen fordert nun eine verantwortungsvolle Entkolonialisierung der Münchner Straßennamen.

Aktuelle Ausstellungen zu kolonialen Straßennamen und den Widerstand dagegen gibt es in Berlin, Hamburg und München.

Asyl: Spiel vs. Realität

In Berlin-Hellersdorf wehrt sich die Bürgerinitiative Marzahn-Hellersdorf mit T-Shirt- Aufdrucken wie „Nein zum Heim“ sowie den Daten des Pogroms in Rostock-Lichtenhagen gegen ein geplantes Asylbewerberheim in ihrem Bezirk. In Berlin-Reinickendorf haben Mieter_innen einen Anwalt beauftragt, um durchzusetzen, dass Kinder aus dem benachbarten Heim nicht mehr auf dem Spielplatz vor ihrem Haus spielen dürfen. Im schweizerischen Aarau verbietet die Stadtverwaltung Asylbewerber_innen den Besuch des örtlichen Schwimmbades, der Sportanlagen, der Bibliothek und der Kirchen.

Zeitgleich zu diesen rassistischen Aktionen startet das ZDF die Show „Auf der Flucht – Das Experiment“, in der sich deutsche Prominente “in die Ursprungsländer Asylsuchender in Deutschland“ aufmachen sollen und so “am eigenen Leib [erfahren], was es heißt, auf der Flucht zu sein”. Anstatt Geflüchtete selbst zu Wort kommen zu lassen, zieht es das staatliche deutsche Fernsehen vor, eine Sendung voller rassistischer Bewertungen und Beschreibungen zu produzieren. Nadia Shehadeh hat einen offenen Brief an den ZDF Fernsehrat geschrieben. Er kann hier auch unterschrieben werden.

Ähnlich problematische Sendereihen strahlen derzeit übrigens RTL und Pro7 aus: Wild Girls – Mit Highheels durch Afrika und Reality Queens of Safari. Letztere wurde nun aufgrund niedriger Einschaltquoten und umfassender Kritik von NRO und vielen anderen eingestellt. Nicht zu unrecht fragt sich ein Kommentator auf africaisacountry „What’s wrong with the Germans?“.

weltwärts ohne Helfen?

Die Webseite des entwicklungspolitischen Freiwilligendienstes weltwärts wurde komplett neu überarbeitet. Nicht nur das Layout hat sich verändert, auch inhaltlich wurde eine Neuausrichtung angekündigt. Im Follow-up-Prozess der Evaluierung wurde entschieden, den vielkritisierten Slogan „Lernen durch tatkräftiges Helfen“ ersatzlos zu streichen. Weltwärts versteht sich von nun an als Lerndienst und nicht als Hilfsdienst.

Der erste Blick auf die neue Homepage macht deutlich, dass der Helfen-Diskurs nach wie vor sehr präsent ist: wenn zwar nicht mehr im Slogan, dafür fast prominenter in dem interaktiven Banner, der die Startseite, aber auch alle Unterseiten dominiert. Einzelne Akteur_innen des Programms kommen hier zu Wort und fast überall finden sich Formulierungen, die eine aktive, helfende Rolle der weltwärts Freiwilligen in ihren Gastländern beschreiben:

Corinna W., Bolivien: „In Bolivien lerne ich sehr viele Dinge für mein Leben, die ich an der Uni nicht lernen würde. Ich tue etwas Sinnvolles und entdecke gleichzeitig eine andere Kultur, so dass ich meine Entscheidung in keinem Moment bereue.“

Stefan Beutel, Geschäftsführer DRK Soziale Freiwilligendienste Mecklenburg-Vorpommern: „Ich bin begeistert von weltwärts! Die Freiwilligen unterstützen die Einsatzprojekte und lernen darüber hinaus viel über die Kultur und die Menschen des Einsatzlandes.“

Lourdes Jibaja, Asociacion Cultural Estrella del Sur, Peru: „Die Freiwilligen bewirken einen Wandel in den abgelegenen und vom Staat vernachlässigten Gemeinden, mit denen wir arbeiten.“

Andrea P., ehrenamtliche Seminarleiterin: „Wir sind eine der ältesten Freiwilligendienstorganisationen Togos und setzen uns für den interkulturellen Austausch zwischen den lokalen Gemeinden und den weltwärts-Freiwilligen ein, um eine nachhaltige Entwicklung zu fördern.“

Gerónimo Vera, Asosiacón de Usuarios de Manglar Cerrito de los Morreños: „Im Golf von Guayaquil setzen wir gemeinsam Projekte zur besseren Gesundheitsversorgung, Müllentsorgung oder zur Trinkwasseraufbereitung um.“

 

Justice for Trayvon Martin

Am 26. Februar 2012 erschoss der Nachbarschaftspatrouillen-Koordinator George Zimmermann den schwarzen Teenager Trayvon Martin. Vor ein paar Tagen wurde Zimmermann von einem Gericht in Florida sowohl der Anklage auf Mord als auch auf Todschlag freigesprochen. Das Urteil hat in den USA und weltweit Empörung und großes Unverständnis ausgelöst und eine Debatte über Racial Profiling und institutionellen Rassismus reaktiviert. Die National Association of the Advancement of Colored People (NAACP) hat eine Petition an das Justizministerium gestartet, die innerhalb weniger Tage schon über eine halbe Million Menschen unterzeichnet haben. Die Petition kann hier unterstützt werden:

bell hooks nimmt eine Beschreibung von Zimmermann in ihrem 2000 erschienenen Buch „All about love“ vorweg:

„White supremacy has taught him that all people of color are threats irrespective of their behavior. Capitalism has taught him that, at all costs, his property can and must be protected. Patriarchy has taught him that his masculinity has to be proved by the willingness to conquer fear through aggression; that it would be unmanly to ask questions before taking action. Mass media then brings us the news of this in a newspeak manner that sounds almost jocular and celebratory, as though no tragedy has happened, as though the sacrifice of a young life was necessary to uphold property values and white patriarchal honor. Viewers are encouraged to feel sympathy for the white male home owner who made a mistake.“

In Deutschland haben die Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland (ISD) und die Kampagne für Opfer rassistischer Polizeigewalt (KOP) aktuell eine Kampagnenaufruf „Racial Profiling kostet“ gestartet. Alle Menschen, denen Racial Profiling widerfährt oder die es beobachten, sind aufgefordert ihre Stimme zu erheben. Ein Vordruck für einen Brief an die Bundespolizeidirektion in Koblenz findet sich hier.

Argumente im Streit um Geschlechterverhältnisse

Die Heinrich Böll Stiftung hat aktuell ein E-Book herausgegeben, um Argumente in der Diskussion um Geschlechterverhältnisse an die Hand zu geben. Die Autor_innen Regina Frey, Marc Gärtner, Manfred Köhnen und Sebastian Scheele gehen einzelnen Vorwürfen an die Gender-Studies nach und zeigen Argumente auf, wie ihnen begegnet werden kann. Diskutiert werden z.B. der Ideologie-Vorwurf, der Unwissenschaftlichkeits-Vorwurf sowie das Anlegen von Doppelstandards. Dies sind auch gängige Abwehrmechanismen, Vermeidungsstrategien und Vorwürfe an Menschen, die sich mit anderen machtkritischen Themen, mit Rassismuskritik und Postkolonialer Theorie beschäftigen. Ein Blick in die Publikation lohnt!

Schulpartnerschaften für den Frieden?

In den letzten Monaten sind zwei neue, interessante Publikationen zum Thema Schulpartnerschaften erschienen. Luise Steinwachs von Berlin Postkolonial analysiert in der Studie „Persönliche Begegnungen in Schulpartnerschaften“, welchen Einfluss Süd-Nord-Schüleraustausch auf die Identitätsentwicklung von Schüler_innen in Deutschland hat. Dabei kommt sie u.a. zu folgenden Ergebnissen:

1. Persönliche Begegnungen im Rahmen von Schulpartnerschaften können Vorurteile und Klischees verstärken.
2. Bei einem Großteil der Schulpartnerschaften, die an der Erhebung teilgenommen haben, ist die  entwicklungspolitische Einbettung der Partnerschaft nicht ausreichend, um globale Zusammenhänge zu durchschauen. Daher wird auf vereinfachte Erklärungsmuster zurückgegriffen.
3. Der Zeitraum persönlicher Begegnungen von ca. drei Wochen reicht nicht aus, um tatsächlich Schritte in Unsicherheit und Unverständnis zu wagen. Die Erklärungsmuster der Jugendlichen dienen vorrangig der Selbstversicherung und Irritationen werden wenig zugelassen.

In einer weiteren, zweisprachig deutsch-spanischen Publikation von KATE finden sich Interviews mit verschiedenen Akteur_innen von Schulpartnerschaften. Die Broschüre fällt durch eine Vielzahl von machtkritischen Fragen positiv auf. Anstatt im klassischen Tonfall der interkulturellen Kommunikation zu bleiben, spricht Claudia Schilling vom ENSA-Programm beispielsweise Themen wie Privilegien, ungleiche Partnerschaften und die Frage nach der Definitionsmacht an. In einer Welt der Schulpartnerschaften, die oftmals eher eine Welt von Schulpatenschaften ist und in der Helfen und Entwicklung zwei gängige Motive sind, ist das eine neue Sprache. Allerdings sei hier angemerkt, dass insbesondere im ENSA-Programm diese neuen Perspektiven mit langwierigen Diskussionen, Ausschlüssen und Rassismusreproduktionen einhergingen bzw. einhergehen.

Kampagne No Humboldt 21! gestartet

 

 

 

 

 

 

 

Pressemitteilung No Humboldt 21! des Kampagnenbündnisses (Initiative Schwarze Menschen in Deutschland, glokal, BER, Africavenir, Afrotak, Berlin Postkolonial, Artefakte/Anti-Humboldt)

Kampagne fordert Moratorium für das Humboldt-Forum im Berliner Schloss

Berlin, 6. Juni 2013. Ein breites Bündnis von 40 zivilgesellschaftlichen Organisationen fordert die Aussetzung der Arbeit am Humboldt-Forum im Berliner Schloss. „Das vorliegende Konzept verletzt die Würde und Eigentumsrechte von Menschen in allen Teilen der Welt, ist eurozentrisch und restaurativ“, sagt Tahir Della von der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland. In einem Aufruf fordert das Kampagnenbündnis No Humboldt 21! neben dem Moratorium eine breite öffentliche Debatte zum Humboldt-Forum, dessen Grundsteinlegung für den 12. Juni geplant ist. Weiterlesen

Auslandsjahr-Erfahrungen: Arme eine Welt

In der FAZ ist vor kurzem ein bissiger Artikel zur Freiwilligendienst-Industrie, die Deutsche in den Globalen Süden schickt, erschienen. Allerdings scheint die Kommentatorin der Idee von Entwicklungshilfe an sich nicht sonderlich kritisch gegenüberzustehen: immer schön Maschinenbauingenieure aus Ilmenau nach Ghana schicken. Die Leser_innenmeinungen zum Artikel sind übrigens interessant und aufschlussreich.

 

 

Analyse von Radi-Aid „Africa for Norway“ in Critical Literacy Journal

Einige Monate nach der Radi-Aid-Kampagne, zu der wir einen kritischen Kommentar geschrieben hatten, hat David Jefferess dazu einen ausführlichen Artikel veröffentlich. Er argumentiert, dass Radi-Aid letztendlich die Vorstellung zementiert, dass unsere Beziehung vom Globalen Süden vor allem eine humanitäre ist, und somit Fragen von struktureller Gewalt nicht angeht.